Johannes Herrmann Verlag



Einführung
Zen bedeutet sein wahres Selbst verstehen. „Was bin ich?“ Das ist eine sehr wichtige Frage: Was ist das eine reine und klare Etwas? Wenn du das eine klare und reine Etwas findest, bist du frei von Leben und Tod. Wie erlangt man Freiheit von Leben und Tod? Zuerst muss deine Richtung klar werden; wenn deine Richtung klar ist, dann ist dein Leben klar. Warum praktizierst du Zen? Warum isst du jeden Tag? Das musst du herausfinden!

Lass alles los – deine Meinungen, deine Umstände und deine Situation. Von Augenblick zu Augenblick tu es einfach. Dann gibt es kein Subjekt, kein Objekt, kein Innen, kein Außen. Innen und Außen werden eins. Dann sind deine Richtung und meine Richtung, deine Handlung und meine Handlung gleich. Das nennt man den Großen Bodhisattva Weg.

Lässt du alles los, dann kannst du deinem wahren Selbst hundertprozentig vertrauen. Dann ist dein Geist klar wie der Raum, der klar ist wie ein Spiegel: Rot kommt, Rot; Weiß kommt, Weiß. Jemand ist hungrig, gib ihm zu essen. Jemand ist durstig, gib ihm zu trinken. Alles wird in diesem klaren Spiegel reflektiert. Dann kannst du klar hören, sehen, riechen, schmecken, berühren und klar denken. Der Himmel ist blau, der Baum ist grün; Salz ist salzig, Zucker ist süß. Ein Hund bellt: „Wau, wau!“ Einfach genau so, alles ist Wahrheit. So bist auch du Wahrheit.

Aber wie funktioniert diese Wahrheit dann auf rechte Weise? Wie lebt man ein rechtes Leben? Von Augenblick zu Augenblick muss man seine Situation, seine Beziehung zu dieser Sitaution und seine Aufgabe richtig wahrnehmen. Wenn du hungrig bist, was dann? Wenn jemand anderes hungrig ist, was dann? Wenn du Buddha triffst, was tust du dann? Wo lässt du die Asche deiner Zigarette? Die meisten Menschen verstehen das alles, aber sie können es nicht wirklich tun. Wenn du es voll und ganz tust, dann ist dein Alltagsgeist das rechte Leben. Jesus hat gesagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Das ist derselbe Punkt. Die meisten Menschen verstehen zu viel. Dieses Verstehen kann deinem Leben nicht helfen. Descartes hat gesagt: „Ich denke, also bin ich.“ So macht das „Ich“ das „Ich“. Wenn man nicht denkt, was dann? Selbst mit sehr großer Erfahrung können alles Verstehen und alle Erfahrung deiner Praxis nicht helfen, solange du das eine klare und reine Etwas nicht erlangst. Deswegen geht es in der Zen-Praxis nicht ums Verstehen. Zen heißt, einfach ohne Umwege den direkten Weg zu nehmen: Weiß-Nicht.

Jo Ju fragte einmal Meister Nam Cheon: „Was ist der wahre Weg?“
Nam Chon antwortete: „Der Alltagsgeist ist der wahre Weg.“
„Sollte ich also versuchen ihn zu bewahren oder nicht?“
Nam Cheon sagte: „Wenn Du versuchst, ihn zu bewahren, liegst Du schon falsch.“
„Wenn ich nicht versuche ihn zu bewahren, wie kann ich den wahren Weg verstehen?“
Nam Cheon antwortete: „Der wahre Weg ist unabhängig vom Verstehen oder Nicht-Verstehen.
Verstehen ist Illusion; Nicht-Verstehen ist Leere. Wenn Du den Wahren Weg des Nicht-Denkens vollständig erlangst, ist er wie der Raum, klar und leer. Also, warum schaffst Du richtig und falsch?“ Jo Ju hörte das und erlangte Erleuchung.

Was hat Jo Ju erlangt?

Oft möchten Zen-Schüler es gerne „bewahren“. Das ist ein großer Fehler. Zen heißt, wenn du etwas tust, dann tu es einfach. Du weißt bereits, dass Verstehen Illusion ist. Halte nicht an deinem Verstehen fest! Rechte Praxis heißt: „Wie wird dein Verstehen verdaut und zu Weisheit?“ Das ist wahrer Alltagsgeist.

Warum also 365 Kongans? Da jeder zuviel versteht, müssen wir „Verstehen-Medizin“ anwenden. Was hat Jo Ju erlangt? Deinen Mund zu öffnen ist schon ein Fehler! Aber wenn du nicht denkst, ist die Antwort rein und klar, immer genau vor dir. Wie funktioniert dein wahres „Ich“ dann auf rechte Weise und rettet alle Wesen?

Das Tao wird die Große Mutter genannt:

Leer und doch unerschöpflich,
gebiert es unendliche Welten.
Es ist in dir immer gegenwärtig.
Du kannst es nutzen wie immer du möchtest.


Wie gebiert das Tao unendliche Welten? Das ist dieselbe Frage, derselbe Punkt.
In dieser Sammlung gibt es buddhistische Kongans, christliche Kongans, taoistische Kongans und Zen-Kongans. Es gibt alte Kongans und neue Kongans, aber sie sind alle gleich: Diese wunderbaren Worte lehren alle richtige Richtung. Wenn du an schönen Worten oder an deiner Meinung festhältst, wirst du ihre wahre Bedeutung nicht verstehen. Also lass alles los – deine Meinung, deine Bedingung und deine Situation. Dann ist dein Geist klar wie der Raum. Dann wird die richtige Antwort auf jedes Kongan von selbst auftauchen. Das ist Weisheit. Wenn du ein Kongan ausprobierst und es nicht erlangst, dann mach dir keine Gedanken! Hafte nicht am Kongan und versuch auch nicht, das Kongan zu verstehen. Einfach geradezu gehen, Weiß-Nicht: Versuch es immer weiter – zehntausend Jahre lang, nonstop. Dann er­langst du den Weg, die Wahrheit und das Leben und das heißt von Augenblick zu Augenblick die richtige Situation, die richtige Beziehung und das richtige Verhalten zu bewahren. Das ist bereits Große Liebe, Großes Mitgefühl und der Große Bodhisattva Weg.

Unabhängig von Worten,
eine besondere Übertragung außerhalb der Sutras,
direkt auf den Geist zielend.
Sieh deine wahre Natur, werde Buddha.


Wenn du dieses Tor durchschreiten möchtest, dann gib deinem Denken keinen Raum. Der Buddha lehrte alle Dharmas, um jeden Geist zu retten. Wenn du keinen Geist bewahrst, welchen Zweck haben dann die Dharmas?

Ich hoffe, dass du Tag für Tag überhaupt nichts machst, tu es einfach, von Augenblick zu Augenblick, erlange die 365 Kongans, erlange Erleuchtung und rette alle Wesen vom Leiden.

Der Himmel ist immer blau. Wasser fließt immer in den Ozean.

Zen-Meister Seung Sahn
Providence Zen Center, Dezember 1991